Australische Studie: «E-Zigaretten krebserregend» – Was die Boulevardmedien verschweigen
Aktuell beherrscht eine neue australische Studie die Schlagzeilen. Viele Medien behaupten, Dampfen sei genauso gefährlich wie Rauchen. Doch was zeigt die Studie wirklich – und was verschweigen die Boulevardblätter?
Wer in den letzten Tagen die Schlagzeilen verfolgt hat, kam kaum darum herum: «E-Zigaretten genauso gefährlich wie Rauchen», «Vaping verursacht Krebs», «Neue Studie warnt vor E-Zigaretten». Die Meldungen überschlugen sich in unzähligen Boulevardblättern – von deutschen Tageszeitungen bis hin zu Schweizer Onlineportalen. Als Quelle wird dabei stets eine neue australische Studie genannt, die angeblich beweisen soll, dass Dampfen krebserregend ist.
Doch was steckt wirklich dahinter? Was hat die Studie tatsächlich untersucht, wo liegen ihre Grenzen – und warum ist die mediale Berichterstattung in vielen Punkten schlicht irreführend?
Wir haben die Originalstudie genau analysiert und erklären, was sie aussagt, was sie nicht aussagt, und warum der Unterschied entscheidend ist.
Was die Studie wirklich ist – und was nicht
Beginnen wir mit dem Wichtigsten: Bei der viel zitierten Untersuchung handelt es sich nicht um eine klassische Studie mit neuen, selbst erhobenen Daten. Es ist auch keine epidemiologische Langzeitstudie, die Krebsfälle bei Dampfern über Jahre verfolgt hätte.
Die Untersuchung wurde von Forschenden der University of New South Wales (UNSW) durchgeführt und im Fachjournal Carcinogenesis veröffentlicht. Es handelt sich um eine sogenannte qualitative Risikoanalyse – auf Englisch «Review». Das bedeutet konkret:
- Es wurden keine neuen Daten erhoben
- Es wurden bestehende Studien zusammengetragen und neu interpretiert
- Die Bewertung basiert auf der subjektiven Einschätzung der Autorinnen und Autoren
Das ist wissenschaftlich durchaus legitim und hat seinen Platz in der Forschung. Aber es ist etwas fundamental anderes als ein «Beweis», dass Dampfen Krebs verursacht. Dieser Unterschied ist entscheidend – und in der medialen Berichterstattung wurde er fast ausnahmslos ignoriert.
Welche Daten wurden verwendet?
Die Studie stützt sich auf drei Hauptquellen:
1. Laborstudien (Zellversuche)
In solchen Untersuchungen werden menschliche oder tierische Zellen im Labor Dampf oder einzelnen Inhaltsstoffen aus E-Zigaretten ausgesetzt. Dabei wurden unter anderem DNA-Schäden, oxidativer Stress und Zellveränderungen gemessen.
2. Tierstudien
Mäuse und andere Versuchstiere wurden Dampf ausgesetzt, teils über längere Zeiträume. In einigen Studien wurden dabei Tumorbildungen beobachtet.
3. Biomarker beim Menschen
Schliesslich wurden Biomarker bei Menschen untersucht: Entzündungswerte, Hinweise auf Zellstress und Abbauprodukte im Urin.
Die Kernaussage: «Likely carcinogenic» – was das wirklich bedeutet
Die Studie kommt zum Schluss, dass E-Zigaretten «likely carcinogenic» – also «wahrscheinlich krebserregend» – seien. Genau dieser Begriff hat die Schlagzeilen dominiert.
Doch «likely» bedeutet im wissenschaftlichen Kontext: nicht bewiesen. Es ist eine Einschätzung, keine Tatsachenfeststellung. Und noch wichtiger: Die Autorinnen und Autoren selbst schreiben in der Studie explizit:
«Es gibt keine quantifizierbaren Risiken. Langzeitdaten fehlen vollständig.»
Das sind keine Fussnoten am Rand – das sind zentrale Einschränkungen der eigenen Arbeit, die die Autoren selbst benennen. In den meisten Medienberichten findet man davon keine Spur.
Der grösste Schwachpunkt: Keine echten Krebsdaten
Der vielleicht schwerwiegendste Einwand gegen die Schlagzeilen: Es gibt bislang keine Langzeitstudien am Menschen, die einen direkten Zusammenhang zwischen Dampfen und Krebs belegen.
Das ist kein Fehler der Studie – es ist schlicht die Realität des aktuellen Forschungsstands. Und die Gründe liegen auf der Hand:
- Krebs entsteht oft über Jahrzehnte – typischerweise nach 20, 30 oder mehr Jahren Exposition
- Moderne E-Zigaretten existieren erst seit etwa 15 bis 20 Jahren
- Die breite Nutzung ist noch deutlich jünger
Ein direkter epidemiologischer Beweis ist zum jetzigen Zeitpunkt wissenschaftlich nicht möglich – schlicht weil die Zeit noch fehlt. Das bedeutet nicht, dass das Risiko gleich null ist. Aber es bedeutet, dass niemand derzeit seriös behaupten kann, Dampfen verursache nachweislich Krebs beim Menschen.
Ein klassischer Denkfehler: Marker gleich Ursache?
Die Studie beobachtet unter anderem Entzündungsreaktionen und DNA-Schäden in Zellversuchen – und schliesst daraus auf ein erhöhtes Krebsrisiko. Das klingt logisch, ist es aber nicht automatisch.
Viele alltägliche Dinge verursachen DNA-Schäden und Entzündungen:
- UV-Strahlung der Sonne
- Luftverschmutzung in Städten
- Alkohol
- Gebratenes oder gegrilltes Fleisch
- Intensive körperliche Belastung
Nicht alles davon führt zu Krebs. Der menschliche Körper ist darauf ausgelegt, mit einem gewissen Mass an Zellschäden umzugehen, sie zu reparieren und unschädlich zu machen. Ein beobachteter Marker ist noch keine nachgewiesene Kausalität.
Nikotin: Ein weit verbreitetes Missverständnis
Ein besonders kritischer Punkt der Studie betrifft Nikotin. Als Belastungsnachweis wird auf Nikotin-Abbauprodukte im Urin – insbesondere Cotinin – verwiesen. Hier liegt ein fundamentales Missverständnis vor, das leider auch in der Boulevardpresse regelmässig reproduziert wird:
Nikotin ist nicht krebserregend.
Das ist keine Schutzbehauptung der E-Zigaretten-Industrie, sondern das Ergebnis von Jahrzehnten unabhängiger Forschung. Das Krebsrisiko beim klassischen Zigarettenrauchen entsteht primär durch:
- Teer
- Verbrennungsstoffe (bei der Verbrennung von Tabak entstehen hunderte toxische Substanzen)
- Tabakspezifische Nitrosamine
Nikotin selbst ist eine stark wirksame und abhängig machende Substanz – aber es ist nicht das, was Lungenkrebs verursacht.
Was sagt der Nachweis von Cotinin im Urin also aus? Er zeigt, dass jemand Nikotin konsumiert hat. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Krebsrisiko lässt sich daraus nicht ableiten.
Das «Dual Use»-Problem: Wenn die Daten verunreinigt sind
Ein weiterer methodischer Schwachpunkt, der in der medialen Berichterstattung komplett fehlt: das sogenannte «Dual Use»-Problem.
Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ausgewerteten Studien sind keine reinen Dampfer – sie rauchen gleichzeitig Zigaretten. Rauchen ist nachgewiesenermassen stark krebserregend. Wenn jemand früher geraucht hat oder weiterhin raucht und zusätzlich dampft, ist es schlicht nicht möglich, die beobachteten Risiken sauber dem Dampfen zuzurechnen. Die Effekte überlagern sich.
Die Studie kann diesen Effekt nicht herausrechnen – und gibt das auch selbst zu. Das bedeutet, dass ein Teil der beobachteten Risikosignale möglicherweise gar nicht vom Dampfen stammt, sondern vom gleichzeitigen oder früheren Rauchen.
«Qualitative Bewertung» – was die Autoren selbst einräumen
Die Studie enthält einen Satz, den die meisten Medienberichte weggelassen haben:
«Our assessment is qualitative.»
Auf Deutsch: «Unsere Bewertung ist qualitativ.» Das bedeutet: keine Statistik, keine Risikoberechnung, subjektive Gewichtung der Evidenz. Es handelt sich ausdrücklich um eine Experteneinschätzung – nicht um einen wissenschaftlichen Beweis im klassischen Sinne.
Was an der Studie trotzdem seinen Wert hat
Um fair zu sein: Die Studie ist nicht wertlos, und Dampfen ist kein risikofreies Hobby. Die Forschenden halten zu Recht fest, dass E-Zigaretten Substanzen enthalten, die potenziell schädlich sein können, dass Zell- und Tierdaten biologische Reaktionen zeigen, die ernstgenommen werden sollten, und dass weitere Langzeitforschung am Menschen dringend notwendig ist.
Eine unkritische «Alles harmlos»-Haltung wäre ebenfalls falsch. Aber das ist kein Freibrief für irreführende Schlagzeilen.
Warum die Autoren früh warnen wollen
Die Forschenden haben erläutert, warum sie trotz schwacher Beweislage eine starke Formulierung gewählt haben: «Beim klassischen Rauchen hat es 100 Jahre gedauert, bis der Schaden unbestreitbar war – diesen Fehler wollen wir nicht wiederholen.»
Das ist ein verständlicher und legitimer Standpunkt. Frühe Warnsignale ernst zu nehmen, hat in der Vergangenheit Leben gerettet. Aber: Eine präventive Warnung auf Basis indirekter Daten ist etwas anderes als ein bewiesener Sachverhalt. Wer das nicht klar kommuniziert, betreibt keine Wissenschaftsvermittlung mehr – sondern Panikmache.
Fazit: Was bleibt nach dem Medienhype?
Was die Studie aussagt:
- Es gibt Hinweise auf mögliche biologische Risiken durch E-Zigaretten
- Dampfen ist wahrscheinlich nicht vollständig risikofrei
- Weitere Forschung – insbesondere Langzeitstudien – ist dringend notwendig
Was die Studie nicht aussagt:
- Dass Dampfen nachweislich Krebs verursacht
- Wie hoch ein allfälliges Risiko konkret ist
- Dass E-Zigaretten gleich gefährlich sind wie Tabakzigaretten
- Dass alle Dampfer gefährdet sind
Was bedeutet das für Dampfer in der Schweiz?
Die aktuellen Schlagzeilen sind kein Grund zur Panik – aber auch kein Freifahrtschein. Wer dampft, sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass die Langzeitforschung noch aussteht und dass E-Zigaretten nicht als «harmlos» bezeichnet werden können.
Was wir jedoch mit Sicherheit sagen können: Der Vergleich «Dampfen ist genauso gefährlich wie Rauchen» ist auf Basis der aktuellen Datenlage nicht haltbar. Sowohl Public Health England als auch zahlreiche unabhängige Studien haben gezeigt, dass E-Zigaretten als Rauchstopp-Hilfsmittel deutlich weniger schädlich sind als Tabakzigaretten.
Wer als Raucher auf eine E-Zigarette umgestiegen ist, hat damit einer Vielzahl von nachgewiesenermassen krebserregenden Verbrennungsstoffen den Rücken gekehrt. Das ist ein relevanter Unterschied – unabhängig davon, welche Langzeitdaten die Zukunft noch bringen wird.
Unser Aufruf: Medienberichte kritisch lesen
Die Berichterstattung rund um diese australische Studie zeigt exemplarisch, wie komplex wissenschaftliche Kommunikation ist – und wie oft sie schiefläuft.
Was wir empfehlen:
- Den Originalartikel suchen, wenn eine Schlagzeile alarmiert – nicht nur die Pressemitteilung lesen
- Prüfen, was die Studie tatsächlich gemessen hat – und was nicht
- Den Unterschied kennen zwischen Review, Tierstudie, Zellstudie und epidemiologischer Langzeitstudie
- Auf die Formulierungen achten: «likely», «could», «may» bedeuten nicht «bewiesen»
- Den Kontext einbeziehen: Kein Risiko existiert im Vakuum – immer im Vergleich betrachten
Wissenschaft ist kein Schwarz-Weiss-Bild. Guter Journalismus sollte das abbilden – und nicht so lange vereinfachen, bis nichts mehr stimmt.

